Wenn ich heute auf meine Zeit bei AIDA Cruises zurückblicke, dann denke ich nicht zuerst an Shows, Reisen oder Häfen irgendwo zwischen Karibik und Nordland. Ich denke an Menschen. An Teams. An Konflikte. An Vertrauen. Und an die Frage, wie Führung eigentlich wirklich funktioniert, wenn 80 Menschen aus über 60 Nationen monatelang auf engstem Raum zusammenleben und zusammenarbeiten.
Von 2013 bis 2018 war ich als Entertainment Manager an Bord unterwegs. Je nach Schiff habe ich internationale Teams mit bis zu 80 Mitarbeitenden geführt. Und ehrlich gesagt: Als ich damals angefangen habe, hatte ich vom Thema Führung eher wenig Ahnung. Ich war gut in meinem Job, motiviert und voller Energie – aber Führung lernt man eben nicht aus einem Handbuch.
Man lernt sie dort, wo Menschen aufeinandertreffen.
Und auf einem Kreuzfahrtschiff passiert genau das – jeden einzelnen Tag.
Ein Kreuzfahrtschiff ist ein Führungslabor
Viele sprechen bei einem Kreuzfahrtschiff von einem „schwimmenden Hotel“. Das stimmt natürlich irgendwie. Aber in Wahrheit ist es viel mehr als das.
An Bord leben und arbeiten Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen, Altersgruppen und Persönlichkeiten rund um die Uhr zusammen. Es gibt keinen Feierabend im klassischen Sinn. Kein „Ich fahre jetzt nach Hause und komme morgen wieder“. Man begegnet sich ständig – im Theater, auf der Crew-Messe, beim Sport oder nachts um zwei in der Crew Bar.
Das macht Konflikte sichtbarer. Aber auch Führung ehrlicher.
Denn unter diesen Bedingungen funktioniert Autorität allein überhaupt nicht. Wer nur mit Druck arbeitet, verliert Menschen schneller, als ihm lieb ist. Was wirklich funktioniert, sind Vertrauen, Klarheit und echtes Interesse an den Mitarbeitenden.
Und genau deshalb bin ich überzeugt: Wenn Führung auf einem Schiff funktioniert, funktioniert sie erst recht an Land.
Führung beginnt nicht beim Team – sondern bei Euch selbst
Eine der wichtigsten Erkenntnisse meiner Zeit an Bord war: Gute Führungskräfte kennen zuerst sich selbst.
Viele denken bei Führung automatisch an die Rolle des Chefs oder der Chefin. Aber Führung besteht aus viel mehr Rollen. Und je besser Ihr diese Rollen versteht, desto besser könnt Ihr Menschen führen.
Mal seid Ihr Coach und unterstützt jemanden bei der Weiterentwicklung.
Mal Moderator, wenn zwei Teammitglieder aneinandergeraten.
Mal Fachmann oder -frau, die Orientierung gibt.
Mal Kollege oder Kollegin im Austausch mit anderen Führungskräften.
Und manchmal auch einfach Mitarbeitende mit einer eigenen Führungskraft über Euch.
Die Kunst besteht darin, situativ zwischen diesen Rollen zu wechseln.
Nicht jede Situation braucht Ansagen. Manche brauchen Zuhören. Andere Klarheit. Wieder andere einfach nur Präsenz.
Nicht jeder Mensch braucht dieselbe Führung
Das ist wahrscheinlich einer der größten Fehler, den viele Führungskräfte machen: Sie führen alle Menschen gleich.
Aber Menschen funktionieren nicht gleich.
An Bord hatte ich Mitarbeitende, denen ich eine Aufgabe einmal erklärt habe – und die danach komplett eigenständig gearbeitet haben. Andere brauchten mehr Sicherheit, mehr Austausch oder klarere Strukturen. Und neue Teammitglieder mussten oft erstmal lernen, wie das Leben und Arbeiten auf einem Schiff überhaupt funktioniert.
Deshalb habe ich irgendwann angefangen, mein Team ganz bewusst zu betrachten:
- Wer kann komplett selbstständig arbeiten?
- Wer braucht Unterstützung?
- Wer braucht klare Anleitung?
- Wer entwickelt sich gerade erst?
Das klingt simpel, verändert aber enorm viel.
Denn situative Führung bedeutet nicht, Menschen unterschiedlich wertzuschätzen. Sondern ihnen genau das zu geben, was sie brauchen, um erfolgreich zu sein.
Ein Beispiel, das sich an Bord extrem bewährt hat, war unser Buddy-System für neue Crew-Mitglieder. Neue Mitarbeitende bekamen direkt eine feste Ansprechperson an die Seite. Das hat Orientierung gegeben, Unsicherheiten reduziert und vor allem Zugehörigkeit geschaffen.
Und Zugehörigkeit ist ein riesiger Erfolgsfaktor.
Konflikte verschwinden nicht von allein
Wer Führung übernimmt, muss lernen hinzuhören.
Denn Konflikte kündigen sich fast immer an, bevor sie eskalieren.
Gerade auf einem Schiff merkt man schnell, wenn Spannungen entstehen. Menschen ziehen sich zurück. Die Stimmung verändert sich. Kommunikation wird kürzer. Kleine Dinge bekommen plötzlich großes Gewicht.
Wenn man solche Situationen ignoriert, werden sie selten besser.
Im Gegenteil.
Konflikte, die wochenlang unter der Oberfläche schwelen, explodieren irgendwann. Oder sie implodieren – und ziehen Motivation, Energie und Teamgeist langsam nach unten.
Deshalb war für mich immer klar: Konflikte müssen zeitnah angesprochen werden.
Nicht aggressiv. Nicht emotional überladen. Sondern offen, ehrlich und respektvoll.
Eine Führungskraft braucht dafür vor allem eins: Aufmerksamkeit.
Augen und Ohren offenhalten. In Teams hineinfühlen. Wahrnehmen, wenn „etwas komisch“ ist.
Das klingt weich – ist aber in Wahrheit hochprofessionell.
Macht Eure Mitarbeitenden zu Stars
Einer meiner wichtigsten Grundsätze an Bord war immer:
Menschen wollen gesehen werden.
Nicht irgendwann beim Jahresgespräch. Sondern im Alltag.
Und genau deshalb ist Wertschätzung so entscheidend.
Dabei geht es nicht um leere Motivationstexte oder künstliches Dauerlob. Mitarbeitende merken sehr schnell, ob Feedback ehrlich gemeint ist oder nicht.
Wirksames Lob ist konkret.
Nicht:
„Gut gemacht.“
Sondern:
„Mir ist aufgefallen, wie ruhig und souverän du die Situation vorhin gelöst hast. Das hat dem gesamten Team Sicherheit gegeben. Danke dafür.“
Kurz. Präzise. Ehrlich.
Dasselbe gilt übrigens auch für kritisches Feedback.
Auch hier hilft keine Pauschalkritik. Entscheidend ist, konkret zu beschreiben, was aufgefallen ist und welche Wirkung das Verhalten hatte. Ohne persönliche Angriffe. Ohne Bloßstellen.
Menschen wollen nicht perfekt sein.
Aber sie wollen fair behandelt werden.
Und genau daraus entstehen Vertrauen, Respekt und Motivation.
Führung ist keine Position – sondern Verantwortung
Anfang der Woche durfte ich genau über diese Erfahrungen bei einem großen Konzern nahe Rostock sprechen. Dort habe ich einen zweitägigen Führungskräfte-Workshop eröffnet – mit rund 30 Führungskräften aus einem Unternehmensbereich.
Und obwohl die meisten Teilnehmenden noch nie auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet haben, waren die Herausforderungen plötzlich erstaunlich ähnlich:
Konflikte im Team. Unterschiedliche Persönlichkeiten. Fehlende Kommunikation. Motivation. Veränderung.
Die Branche ist oft gar nicht das Entscheidende.
Menschen bleiben Menschen.
Deshalb bin ich heute mehr denn je überzeugt: Gute Führung braucht keine perfekten Bedingungen. Sie braucht Haltung.
Wer sich selbst kennt, Menschen individuell führt, Konflikte nicht verdrängt und ehrliches Feedback gibt, schafft Teams, die gemeinsam wachsen können.
Und genau darum geht es am Ende.
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